Im Blick der Öffentlichkeit

Zusammen ist man weniger allein

01.10.18
Brauser 10/11 2018

           

Semesterbeginn. Überall verlassen die Küken ihre Nester. Aber wo geht es hin? Wohnungen in der Stadt sind rar und die Mieten meist viel zu hoch für einen allein.

Die Lösung: Eine Wohngemeinschaft!

Aber das Leben in einer WG ist meistens so anstrengend und prägend wie das Studieren selbst. Welche Erfahrungen dabei gemacht werden und was es beim Zusammenleben zu beachten gibt, haben wir uns genauer angesehen. Der BRAUSER taucht ein zwischen Putzpläne und anklagende Post-its.

Neue Leute kennenlernen, günstig wohnen und zusammen feiern – in einer Wohngemeinschaft zu leben kann eine tolle Sache sein. Aber auch nur so lange, wie sich alle verstehen und harmonisch miteinander umgehen. Spätestens wenn Putzpläne nicht befolgt werden, der Eine ständig lärmt oder unangekündigt Leute einlädt, wenn der Andere gerade für die Klausur paukt oder Essensvorräte permanent vom Mitbewohner geplündert ohne wieder aufgefüllt zu werden, wird das Zusammenleben zur Belastungsprobe.

DIE VIER MAGISCHEN ECKEN

Teilen ist eine schöne Sache – aber in einer WG nur bedingt empfehlenswert. Natürlich werden Miete, Telefon- und WLAN-Kosten, Strom, Wasser geteilt – aber auch das Aufräumen und Putzen. Wenn nur einer ständig das Klo reinigt oder nach der Party die Überreste wegräumt, kommt schnell Frust auf. Ein Putzplan hat sich deshalb schon in vielen WGs bewährt. Für regelmäßige Einkäufe empfiehlt es sich eine gemeinsame Kasse anzulegen. Wie beispielsweise für Küchenrolle, Toilettenpapier, Putzmittel sowie Kaffee, Zucker, Gewürze – eben für die Dinge, die alle täglich nutzen. Regelt vorher, welche Sachen aus der Gemeinschaftskasse bezahlt werden. Bei Lebensmittel schaffen separate Fächer im Kühlschrank oder eine Kennzeichnung mit dem Namen für Klarheit. Denn spätestens dann, wenn ständig das teure Eis oder die geschenkte Schokolade von Oma vom Mitbewohner aufgegessen wurde und kein Nachschub oder eine Entschuldigung folgt, hat „wir teilen“ bei jedem wohl eine andere Definition.

DURCH DICK UND DÜNN

Zusammenhalt – der nächste Eckpfeiler des harmonischen Zusammenlebens. Das Schöne an einer WG ist, dass du immer Leute hast mit denen du reden kannst. Ein Mitbewohner ist dir fast so nah wie der eigene Partner. Du siehst ihn morgens im Pyjama mit Mundgeruch und verstrubbelten Haaren am Frühstückstisch, feierst mit ihm die Nächte durch und hältst anschließend über der Porzellanschüssel die Haare oder trinkst mit ihm ein Glas Wein, wenn die Tränen fließen, weil sie Streit mit dem/der Freund/in hatten. Sowas verbindet unheimlich.

ANSPRECHEN ODER AUSZIEHEN

Rücksicht und Gelassenheit sind weitere Punkte im Wohngemeinschafts-Knigge. Ein Streitpunkt im WG-Leben kann Lärm werden. Wenn dein Mitbewohner am nächsten Tag eine wichtige Klausur schreibt, versteht es sich von selbst, dass du im Nachbarzimmer die Musik nicht voll aufdrehst oder spontan eine Party mit deinen Freunden feierst. Rücksicht heißt das Zauberwort. Im Gegensatz dazu, ist es nicht nötig wegen Kleinigkeiten aus der Haut zu fahren. Die Spülmaschine wurde einmal nicht ausgeräumt oder der Müll mal vergessen mit runterzunehmen? Kein Grund schmollend dem Mitbewohner Vorhaltungen zu machen. Schwierig wird es, wenn die Kommunikation miteinander irgendwann andere Wege findet und nur noch über Post-its läuft. „Man kann mich auch leise zumachen“ an der Zimmertür hängt oder „Ich müsste mal wieder geputzt werden“ am Badezimmerspiegel klebt. Spätestens dann ist es soweit, Probleme offen anzusprechen. Oder auszuziehen.

Wir haben Wohnungsbaugesellschaften gefragt: „Ist die ‚Wohngemeinschaft’ ein Teil Ihres Vermietungskonzeptes? “

 

         

Christian Wedler, Geschäftsführer der GWH Bauprojekte GmbH

„Wir haben keine klassischen Studenten WGs in unserem Kasseler Portfolio, diese ergeben sich möglicherweise aus dem ‚tatsächlichem Tun’ der Studenten. Jedoch bieten wir z. B. drei WGs für an Demenz erkrankte Personen an, um diesen einen Verbleib im gewohnten Quartier zu ermöglichen bzw. eine Alternative zum Pflegeheim zu finden.“

 

         

Peter Ley, Geschäftsführer der GWG - Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Kassel mbH

„Das Thema Wohngemeinschaft ist ein fester Bestandteil unseres Vermietungskonzeptes. Deshalb vermieten wir größere WG-geeignete Wohnungen gern auch an Studenten. Routinemäßig prüfen wir bei entsprechenden Anfragen und frei werdenden Wohnungen in Uninähe, ob sie sich für eine studentische Wohngemeinschaft eignen könnten. Im Rahmen der Modernisierung wird im Bedarfsfall der Grundriss angepasst, um Durchgangszimmer als Gemeinschaftsraum umzufunktionieren oder zugunsten der Gemeinschaftsküche zu vergrößern. Es werden hochwertige Materialien verarbeitet und Naturprodukte beispielsweise für den Bodenbelag eingesetzt (Linoleum oder Holz). Vorteilhaft für den Wohnkomfort einer Wohngemeinschaft ist auch, dass die Zimmertüren akustisch aufgerüstet werden.“

 

         

Britta Marquardt, Vorstand der Vereinigte Wohnstätten 1889 eG.

„Wohnen in Gemeinschaften ist ein Kernthema unserer Genossenschaft. Unsere Wohnungen werden zwar überwiegend von Familien oder alleinlebenden Menschen nachgefragt. Konzeptionell bieten wir aber auch Wohngemeinschaften für Studierende an, hier haben wir eine Kooperation mit dem Studentenwerk Kassel. Weiter haben wir Häuser für Gemeinschaftliches Wohnen umgebaut bzw. neu gebaut. Dieses Konzept werden wir auch in der Zukunft weiter verfolgen.“

WOHNEN FÜR HILFE

Die Idee lebt von der Zusammenarbeit alter und junger Menschen oder eben von Studenten und Familien. Die Art der Unterstützung obliegt dabei ganz individuellen Absprachen. Am häufigsten geht es um Gartenarbeit, Hilfe im Haushalt, Kinderbetreuung, aber auch um die Erledigung von Behördengängen und Unterstützung am Computer. Die Absprachen werden in einem Vertrag genau festgehalten; vor allem, wie viele Stunden Hilfe zu leisten sind, ob die Miete damit völlig abgegolten wird oder ob eine Zuzahlung erforderlich ist. In Kassel wird dieses Konzept koordiniert vom Diakonischen Werk Region Kassel, erreichbar über 0561-92012475 oder fan@dw-kassel.de.

Wir haben uns in vier WGs umgehört: Wie sieht’s wirklich aus bei Euch?

Karim (22, re.), Umweltingenieur-Student und Nils (22), Bauingenieur-Student

Wie kam es zu Eurer WG und wie lange lebt Ihr schon zusammen ?

Karim: Nils und ich kennen uns schon Ewigkeiten. Irgendwann haben wir uns darüber unterhalten, dass uns der Schleif von zu Hause bis zur Uni nervt und wir viel mehr Lust hätten mit Anfang 20 unabhängiger von unseren Eltern zu leben. Obwohl wir das nie weiter konkretisiert haben, kam er irgendwann auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte bei seinem Chef zur Untermiete mit ihm einziehen würde, da dieser auf Europareise geht. Das hat sich also als perfekte Chance ergeben und als unser Vermieter dann wiederkam und uns angeboten hat die Wohnung zu übernehmen haben wir sofort „ja“ gesagt und leben jetzt seit 1 1/2 Jahren zusammen an der Weserspitze

Gibt es einen festen Putzplan ?

Nils: Das haben wir mal probiert, hat uns aber nicht gefallen. Wir haben beide eine gute Grundordnung, das reicht.

Was denkt Ihr sind die Vorteile an einer Wohngemeinschaft ?

Karim und Nils: Es ist total entspannt, man kann machen was man will und es sind die ganze Zeit Freunde um einen herum.

           

Was war Eure beste WG-Party und warum ?

Karim: Durch die Übernahme der Wohnung hatten wir eine Zeit lang sehr viel Sperrmüll hier rumstehen. Als Lösung haben wir uns eine Feier überlegt, wo jeder was auf dem Weg zum Club an die Straße stellt. Weil man unter Alkoholeinfluss bekanntlich auf gute Ideen kommt, haben wir den Sperrmüll, der hauptsächlich aus unserem alten Wohnzimmer bestand auf einer Verkehrsinsel aufgebaut. Nach dem Feiern mit den besten Freunden, im alten Wohnzimmer, auf einer Verkehrsinsel zu sitzen und den Sonnenaufgang beim finalen Absacker zu beobachten, werde ich niemals vergessen.

WIE DAS ZUSAMMENLEBEN RECHTLICH KLAPPT

Wer zahlt ?

Wenn ein Einzelner die WG „gründet“ und den Mietvertrag unterschreibt, ist er allein dafür verantwortlich, dass der Vermieter sein Geld bekommt. Unterschreiben aber WG-Mitglieder, sind auch alle verpflichtet gegenüber dem Vermieter zur Mietzahlung.

Mitbewohnerwechsel

Wer genau seine Unterschrift unter dem Mietvertrag setzt, ist aber auch darüber hinaus bedeutsam. Unterschreibt nämlich nur ein Bewohner, darf der Vermieter mitreden, ob nach dem Auszug eines Bewohners ein neuer einziehen darf. Unterschreiben alle Mitglieder der WG, entscheidet sie allein. Empfehlenswert ist dennoch, dass die Wohngemeinschaft ihrem Vermieter mitteilt, wenn Bewohner aus- und einziehen.

Kündigung

Hat die WG einen Zeitmietvertrag abgeschlossen und erhöht der Vermieter die Miete, haben die Mitglieder eine Sonderkündigungsmöglichkeit. Haben alle Mitglieder unterschrieben, muss der Vermieter auch allen Vertragspartnern kündigen. Die Kündigung an eine Person reicht nicht.

Wir haben uns in vier WGs umgehört: Wie sieht’s wirklich aus bei Euch?

 

          

Jana (23, li.), macht eine Ausbildung zur Notfallsanitäterin und Helena (23), Industriekauffrau.

Warum habt Ihr Euch für eine Wohngemeinschaft entschieden ?

Beide: Alleine ist doof. Man kann zusammen was unternehmen, z.B. Kochen, Spieleabend, Feierabend- und Wochenendbierchen trinken.

Was mögt Ihr am gemeinschaftlichen Wohnen ?

Beide: Das Beste ist: Du kommst nach Hause und es ist jemand da.

Was war Deine schlimmste Erfahrung in einer Wohngemeinschaft ?

Jana: Ich hatte ein Durchgangszimmer, nervige Mitbewohner und keine Ruhe. Helena: Bei mir was es eine WG-Auflösung und der damit verbundene Stress und Aufwand.

Was sind die wichtigsten Regeln in eurer WG ?

Beide: Da gibt es ein paar entscheidende Stichworte: Ordnung und Sauberkeit, Kommunikation und Absprachen, Rücksicht, Vertrauen und Verlässlichkeit.

Was war Eure beste Erfahrung in einer Wohngemeinschaft ?

Wir waren auf einer Party bei Freunden und ein paar haben bei uns übernachtet. Als wir aufgestanden sind, hat man in jedem Raum Leute gefunden. Dann kamen noch mehr vorbei, die woanders geschlafen hatten und haben Frühstück mitgebracht. Auf einmal war die ganze Bude voll mit Leuten. Das war ein richtiger WG Moment. :-D

          

Anna (24, re.), Studentin für Grundschullehramt und Victoria (23), CTA-Auszubildende

Wie schwer war es für Euch, eine geeignete Wohngemeinschaft zu finden? Habt Ihr irgendwelche Tipps?

Victoria: Verlasst euch auf euer Gefühl! Die WG mit Anna ist meine erste WG und damals habe ich die Entscheidung auch aus dem Bauch heraus getroffen und bis heute nicht bereut.

Anna: Die WG mit Victoria ist nicht meine erste WG – ich habe davor schon zwei Jahre in einer 3-er und ein Jahr in einer 2-er WG gewohnt. Meine erste WG war leider eine reine Zwecks-WG, in der zweiten WG hat das Zusammenleben und -wohnen auch sehr gut funktioniert. Ich denke, es ist schwierig, die „wahre“ WG zu finden. Vieles entwickelt sich eben erst in der Zeit des Zusammenlebens. Mit der Zeit merkt man dann auch, wie gut es passen und wie schnell eine Freundschaft entstehen kann oder ob diese Form des Zusammenlebens überhaupt geeignet für einen ist.

Was sind die drei größten Fehler die man in einer WG vermeiden sollte ?

         

Anna: Ganz klar: Man sollte erstens nicht erwarten, dass irgendjemand Lust hat, einem Etwas hinterher zu räumen! Auch sollte man nicht davon ausge¬hen, dass der oder die Mitbewohner/in genauso sauber oder ordnungsliebend ist wie man selbst. Es ist also eher hinderlich für das Zusammenleben, seine persönlichen Sauberkeits-Standards auf die andere Person zu projizieren.

Seray (23), studiert visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule

Warum hast Du Dich für eine Wohngemeinschaft entschieden?

Ich wollte als ich von Zuhause ausgezogen bin nicht alleine leben, hätte ich langweilig gefunden.

Was magst Du am gemeinschaftlichen Wohnen?

Gemeinsam kochen, die Gespräche am Küchentisch, abends auf dem Balkon mit einem Glas Wein sitzen, sich gegenseitig helfen und einfach das ganze zusammenleben.

Was war Deine schlimmste Erfahrung in einer Wohngemeinschaft?

Die neue Waschmaschine in den dritten Stock zu tragen :-D

Nein, Spaß beiseite. Ich kann mich nicht beklagen. Das einzige was mal nervt, ist, wenn man los muss und noch schnell duschen will und dann das Bad besetzt ist.

Was sind die wichtigsten Regeln in eurer WG ?

Nicht das Essen von den anderen wegessen! :-D

Gibt es einen festen Putzplan?

Theoretisch ja, praktisch versuchen wir einfach, wenn gerade alle Zuhause sind gemeinsam sauber zu machen und stellen eine Musikbox in den Flur und jeder kümmert sich um einen Raum oder hat eine

bestimmte Aufgabe, dann sind wir schneller fertig und zusammen macht es mehr Spaß.

Was war Deine beste WG Party und warum?

Ich habe, als ich neu eingezogen bin, ein paar Freunde zum Vortrinken eingeladen, weil wir feiern gehen wollten. Am Anfang waren wir nur zu sechst und haben uns gewundert wo der Rest bleibt, als wir

dann angerufen haben, war jeder von denen noch mit anderen Leuten unterwegs. Ich habe mir nichts dabei gedacht und zu jedem gesagt „Egal bring einfach mit.“ Das Ende vom Lied war dann, dass ca. 40 Leute, von denen ich die Hälfte nicht kannte in unserer Wohnung standen und gefeiert und getrunken haben. War ein sehr lustiger Abend! :-D

Was war Deine beste Erfahrung in einer Wohngemeinschaft ?

Freunde zu finden. Unsere WG ist ziemlich familiär, jeder hilft jedem und kümmert sich, man lebt nicht aneinander vorbei, sondern miteinander, das finde ich sehr schön. Klappt nur in den wenigsten Fällen! Der dritte Fehler, den man vermeiden sollte, ist meiner Meinung nach, störende Sachen nicht anzusprechen. Ein offener Umgang ist wichtig für das Zusammenleben, auch wenn man im ersten Moment dafür seine Komfortzone verlassen muss.

Was ist das Verrückteste was Euch je passiert ist in einer Wohngemeinschaft ?

Victoria: Uns ist wirklich schon viel Witziges passiert. Am Verrücktesten finde ich allerdings den Kontrast, den ich jede Woche aufs Neue erlebe: Von Montag bis Freitag herrscht hier ein sehr geordnetes Leben und am Wochenende kann es dann schon mal aus dem Ruder laufen.

Anna: Das ist für mich die schwierigste Frage – mit Victoria habe ich schon so viele lustige und skurrile Momente in unserer gemeinsamen Wohnung erlebt! Es vergeht eigentlich kein Tag an dem wir nichts zu lachen oder bequatschen haben. Wenn ich jetzt schon dran denke, kommen mir die Tränen!




 
 

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