Im Blick der Öffentlichkeit

Die GWG feiert ihren 100.

29.05.18
HNA

Das Thema

Die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (GWG) der Stadt Kassel feiert das 100-jährige Bestehen. Aus der früheren Casseler Wohnungsfürsorge ist heute der größte Vermieter der Stadt geworden. In den 8400 GWG-Wohnungen in 1050 Häusern leben insgesamt annähernd 16 000 Menschen.

      

Komplett modernisiert: Die GWG-Wohnanlage an der Heinrich-Steul-Straße im Stadtteil Forstfeld mit 400 Wohnungen. Heute leben tausend Menschen im „Weißen Schloss“, wie die riesige Siedlung von vielen Forstfeldern genannt wird. Archivfoto: Hedler

Die GWG feiert ihren 100. Städtische Gesellschaft 1918 als „Casseler Wohnungsfürsorge“ gegründet

Von Jörg Steinbach

KASSEL. Weil Industrialisierung und Bevölkerungsanstieg Anfang des 20. Jahrhunderts zu großer Wohnungsnot geführt hatten, musste die Stadt einkommensschwachen Bürgern helfen. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges hatte sich die Not soweit verschlimmert, dass es in Kassel tausende wohnungslose Familien gab. Deshalb wurde 1918 die „Casseler Wohnungsfürsorge“ gegründet.

Das Unternehmen baute anfangs nicht selbst (das übernahm die Stadt), sondern sorgte für Beratung, die Vermittlung von Bauzuschüssen sowie die Bereitstellung von Arbeitskräften und Baustoffen. Das erste eigene Bauprojekt war 1927 das Hindenburg-Altenheim. Wenig später folgte die Rothenbergsiedlung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand die GWG vor der nächsten großen Herausforderung.

Kassel zählte zu den am stärksten zerstörten Städten Deutschlands. Nach 1945 drängten die Evakuierten zurück in die Stadt, dazu kamen viele Flüchtlinge aus dem Osten. Und viele in Notunterkünften lebende Menschen brauchten ebenfalls dringend Wohnungen.

Die GWG hatte im Krieg einen großen Teil ihres Besitzes verloren. Bis 1953 gelang es, die Häuser wieder aufzubauen oder zu reparieren. Danach beteiligte sich die GWG am Wiederaufbau der im Bombenhagel untergegangenen Altstadt. Angefangen von der Schlagd über Brüderstraße, Wildemannsgasse, Weser und Kurt-Schumacher-Straße wurden neue Wohnhäuser gebaut.

Aus der Wohnungsnot nach dem Krieg waren Barackenlager entstanden, die beseitigt wurden. Dort entstanden neue Siedlungen wie etwa am Mattenberg in Oberzwehren oder die Wohnanlage Heinrich-Steul-Straße im Stadtteil Forstfeld. „Sozialer Wohnungsbau“ war das Zauberwort für den Wohnungsbau in den 1960-er und 1970-er Jahren. Die Wohnstadt Waldau entstand, zudem die ersten Hochhäuser in Waldau, am Fasanenhof und am Osterberg.

Ende der 1970-er Jahre standen erstmals Wohnungen leer. Neu gebaut wurde weniger, dafür stärker in Instandsetzung und Modernisierung investiert. Bei Neubauten war jetzt Klasse statt Masse gefragt:

Die Wohnanlage Wilhelmshöher Allee und die „documenta urbana“ am Döncherand sind Beispiele dafür. Ende der 1980-er Jahre stieg die Wohnungsnachfrage wieder an, Anfang der 1990-er Jahre führte die Wohnungsknappheit für viele Menschen erneut in eine Wohnungsnot. Die steigende Einwohnerzahl, die Zunahme von Einzelhaushalten und mehr Wohnfläche pro Person haben heute erneut eine Verknappung und Verteuerung von Wohnraum zur Folge. Und wieder ist die GWG gefragt: Sie engagiert sich beim Bau von Flüchtlingsunterkünften und kurbelt den Wohnungsbau an. Bis 2022 sollen auf dem Areal der 2016 geschlossenen Eichendorff-Schule in Bettenhausen 127 Mietwohnungen und 45 Eigenheime entstehen.

      

Der Altmarkt 1954: Rechts geht es zur Fuldabrücke, links der Freiheiter Durchbruch, geradeaus die Weserstraße mit gerade neu gebauten GWG-Wohnhäusern. Foto: GWG

Wohnungen werden in Schuss gehalten

Die GWG will bis Ende des Jahres 2022 weitere 125 Millionen Euro ausgeben, um die 8400 Mietwohnungen in der Stadt weiter zu verbessern. Es ist bereits das zweite große Investitionsprogramm des städtischen Wohnungsunternehmens. Im Jahr 2013 fiel der Startschuss für die erste Investitionsoffensive. Bis Ende 2017 wurden 100 Millionen Euro in Mietshäuser vor allem in den Stadtteilen Oberzwehren (Mattenberg-Siedlung), Waldau, Forstfeld, Philippinenhof sowie in Rothenditmold (Rothenberg-Siedlung) gesteckt. Damit wurde ein Modernisierungsgrad der Gebäude von 50 Prozent erreicht.
   
GWG-Geschäftsführer Peter Ley

Das bedeutet: Die Hälfte des GWG-Bestandes ist mittlerweile wieder gut in Schuss. Trotz der geplanten Neubauvorhaben wie auf dem Gelände der ehemaligen Josephvon-Eichendorff-Schule in Bettenhausen, wo die GWG für bis zu 40 Millionen Euro bis zum Jahr 2022 insgesamt 170 neue Wohnungen bauen will, sei es wichtig, den Bestand nicht zu vernachlässigen, sagt GWG-Chef Peter Ley. Ende des Jahres 2022 sollen mithilfe des zweiten Fünf-Jahres-Investitionsplans gut zwei Drittel der Wohnungen energetisch und technisch saniert und auch modern ausgestattet sein. (ach) Foto: Helga Kristina Kothe

Hintergrund

Gewinne kräftig gesteigert

Die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (GWG) der Stadt Kassel hat ihre Gewinne in den vergangenen Jahren kräftig gesteigert. Die Gründe dafür sind Vollvermietung – es gibt derzeit keinen nennenswerten Wohnungsleerstand – sowie Mieterhöhungen mit Augenmaß. 2015 lag der Bilanzgewinn bei 4,6 Millionen Euro, im Jahr 2016 bei rund fünf Millionen Euro – das beste Ergebnis in der Geschichte des Unternehmens. Der Löwenanteil dieser Bilanzgewinne fließt wieder zurück in die Modernisierung der Wohngebäude, die sich das gemeinnützige Unternehmen annähernd 25 Millionen Euro jährlich kosten lässt. Ab dem Jahr 2019 muss die GWG zudem jährlich 900 000 Euro von ihrem Gewinn in die Kasseler Stadtkasse zahlen. Das Unternehmen hat derzeit insgesamt 122 Mitarbeiter, davon 9 Auszubildende. (ach)

Chronik

1918 - Nachdem ein Gesetz im März das Wohnungswesen zur Gemeindeaufgabe erklärt, wird unter Führung der Stadt und des Preußischen Staates die „Casseler Wohnungsfürsorge GmbH“ gegründet. Unter den 73 Gesellschaftern sind Unternehmer, Baugenossenschaften, Banken und Versicherungen. Am 24. Juli wird das Unternehmen ins Handelsregister eingetragen.

1919 - Stadtbaurat Höpfner gibt das Unternehmensziel vor: Die „Beschaffung von gesunden und zweckmäßig eingerichteten Wohnungen für minderbemittelte Familien und Personen zu billigen Preisen in eigens zu diesem Zwecke erbauten oder angekauften Häusern zu fördern“.

1920 - sind 8000 einkommensschwache Wohnungssuchende im neuen Wohnungsamt registriert.

1927 - Die GWG startet eigene Bautätigkeiten. Bis 1931 entstehen 1410 neue Mietwohnungen.

1933 - Die „Casseler Wohnungsfürsorge“ wird gemeinnützig und heißt jetzt GWG.1933 wird in Fasanenhof und Bettenhausen mit dem sieben Jahre dauernden Bau von 1000 neuen Wohnungen begonnen.

1939 - steigt die Einwohnerzahl vor Kriegsbeginn auf 216 000.

1940 - Baustopp: Der Bestand liegt bei 2550 Wohnungen.

1945 - Nach Kriegsende im Mai sind nur noch 1328 Wohnungen bewohnt, die meisten beschädigt. 471 Wohnungen sind unbewohnbar, 744 total zerstört.

1953 - Der Vorkriegsbesitz ist wiederhergestellt, der Wiederaufbau wird fortgesetzt.

1964 - Die Stadt ist alleiniger Gesellschafter der GWG.

1968 - liegt der Bestand bei 6100 Wohnungen, es gibt 46 Mitarbeiter.2002 645 Wohnungen stehen leer.

2013 - Die GWG bittet erstmals seit Langem 2600 Mieter mit sechs Prozent mehr Miete zur Kasse, um bessere Instandhaltung und Modernisierung zu ermöglichen.

Das Wohnungselend in der Altstadt

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte Kassel einen stürmischen Aufschwung. Durch die Industrialisierung und den Ausbau der Verwaltung in der Hauptstadt der neuen preußischen Provinz Hessen-Nassau vervierfachte sich die Einwohnerzahl in nicht einmal 50 Jahren. Lebten 1866 nur rund 40 000 Menschen in Kassel, gab es 1914 bereits 160 000 Einwohner. Die Verlagerung der Erwerbstätigkeit vom Land in die Städte sorgte auch in Kassel für große Wohnungsnot.Viele Menschen lebten in engsten, dunklen und kaum zu lüftenden Räumen, das Wohnungselend war unbeschreiblich und menschenunwürdig.

      

So sahen um das Jahr 1900 viele Wohnungen in der Kasseler Altstadt aus. Die Küche war oft der einzig beheizbare Raum. Ab 1908 wurde das Wohnungselend von der städtischen Wohnungsinspektion dokumentiert. Foto: Archiv Murhardsche Bibliothek

Die Altstadt mit ihren engen Gassen ohne Luft und Licht geriet immer mehr zum städtebaulichen Stiefkind. Die Hausbesitzer steckten ihr Geld Anfang des 20. Jahrhunderts lieber in Neubauten. Kassel dehnte sich weiter nach Westen aus. Wer es sich leisten konnte, zog in die neuen Bürgerhäuser mit ihren hellen, großzügig geschnittenen Wohnungen im heutigen Vorderen Westen.Der historische Stadtkern wurde zum Armenviertel. So eng wie dort mussten die Menschen nirgendwo sonst in Kassel zusammenrücken. Von den rund 152 400 Kasseler Einwohnern im Jahr 1908 lebten 21 300 in der Altstadt. Die war nur 39 Hektar groß, das gesamte Stadtgebiet umfaßte rund 4000 Hektar. Zum Vergleich: Die Unterneustadt war damals 478 Hektar groß. Vor diesem Hintergrund beschloss der Magistrat im Jahr 1908, eine Wohnungsinspektion einzurichten. Die Kontrolleurer des städtischen Bauamtes nahmen im September ihre Arbeit auf. Was sie in der Altstadt sahen, war selbst für damalige Verhältnisse schockierend. „Es sind mir Fälle bekannt“, schreibt ein Beamter später in seinem Bericht, „wo am hellen Tage Mütter ihre Säuglinge nicht allein in der Wohnung lassen können, um nicht Gefahr zu laufen, daß sie von Ratten angefressen werden.“ (ach)

 
 

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