Im Blick der Öffentlichkeit

Visionärer Wohnungsbau

29.08.18
Magazin aus der Mitte, Heft 12 © www.euregioverlag.de

Die Bauhaus-Siedlung des Architekten Otto Haesler auf dem Kasseler Rothenberg ist mehr als 80 Jahre alt, aber immer noch modern. Eine denkmalgerechte Sanierung ließ das Interesse an den Wohnungen neu erwachen.

Von Verena Joos

„Das ist ein ganz besonderes Juwel.“ Für Peter Ley, Geschäftsführer der Kasseler Wohnungsbaugesellschaft GWG, ist die Haesler-Siedlung eine Herzensangelegenheit. 1927 beauftragte die „Casseler Wohnungsfürsorge“, so hieß die GWG damals, den Architekten Otto Haesler (1880–1962) mit einer wahren Herkulesaufgabe: Auf dem Rothenberg im Stadtteil Rothenditmold sollten 2.500 Arbeiterwohnungen entstehen, Maßgabe: „Gut und günstig“.

 

      

Haesler, der bereits mit Siedlungskonzepten in Celle und Karlsruhe auf sich aufmerksam gemacht hatte, bekannte sich zu dem Motto: „Besser und billiger“. Dank der Stahlskelettbauweise, die bis dahin nur im Industriebau verwendet wurde, gelang es ihm, die Baukosten für den ersten Komplex von 216 Wohnungen um rund ein Viertel zu senken.

Die Erfindung der Einbauküche

In Haeslers Denken fochten der Ökonom und der Künstler – er verstand sich als beides und er verstand von beidem eine Menge – keine Scharmützel aus. Er wusste, wo zu sparen war, ging aber keine Kompromisse zulasten der Wohnqualität ein. „Jedem Bewohner ein eigenes Bett“, stand auf Platz eins seiner Agenda. Heute eine Selbstverständlichkeit, nicht aber in den 1920er-Jahren, als, etwa in der Kasseler Altstadt, nicht selten vier, gar fünf Personen in einem einzigen Zimmer hausten. Die „zentrale Versorgung aller Wohnungen mit Zentralheizung und Warmwasser neben Gas und elektrischer Lichtversorgung“, die „Anlage zentraler Wäschereien“ sowie die „Schaffung weiträumiger Grünflächen zu beiden Seiten der Wohnzeilen“ waren ihm weitere unverzichtbare Elemente des Wohnungsbaus. Von 1929 bis 1931 entstanden sechs Wohnzeilen und das zentrale Wasch- und Heizhaus. Die Westfassaden der Wohnungen, in die vom Mittag an die Sonne scheint, werden von vorspringenden Treppenhäusern, Fensterbändern und Loggien gegliedert. Den Grundriss variierte Haesler je nach Familiengröße und Einkommen. Und die „Frankfurter Küche“, Prototyp der modernen Einbauküche, hielt Einzug. Welch ein Fortschritt! Während seine visionären Entwürfe Fachleute jenseits des großen Teichs zu Elogen hinrissen – „Otto Haesler ist der bedeutendste Siedlungsarchitekt in Deutschland, vielleicht in der Welt“, urteilte 1932 etwa Philip Johnson vom Museum of Modern Art in New York –, schien der Prophet im eigenen Lande nichts zu gelten. Im nationalsozialistischen Deutschland hatte der bekennende Sozialdemokrat keine Chance mehr, sein Projekt weiter umzusetzen. Nach dem Krieg ließ sich Haesler im Osten nieder, aber auch im Arbeiter- und Bauernstaat vermochte er nicht zu reüssieren.

Von seinem Tod nahm die Öffentlichkeit weder im Westen noch im Osten Notiz. Wie ihr Schöpfer fristete nach dem Krieg auch die Rothenbergsiedlung, obwohl von den alliierten Bombenangriffen auf Kassel kaum in Mitleidenschaft gezogen, ein randständiges Dasein.

       

In den 1970er-Jahren mussten die Gebäude empfindliche Eingriffe über sich ergehen lassen: Grundrisse wurden verändert, die Loggien geschlossen, Fenster und Haustüren erneuert, die Treppen mit PVC ausgelegt. Die rein technisch orientierte Sanierung brachte jedoch nicht den gewünschten Efekt, neue Mietergruppen auf die Häuser aufmerksam zu machen. 2002 stand mehr als ein Drittel der 216 Wohnungen leer.

Waschhaus wurde zum Stadtteiltreff

Mittlerweile aber hat die GWG umgedacht, ist das Interesse an der aparten Bauhaus-Architektur neu erwacht. Zur 75-Jahr-Feier des Erstbezugs wurde 2007 eine Museumswohnung eingerichtet, wurde das renovierte Waschhaus zum Stadtteiltreff.

Und die GWG begann, die Siedlung in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege zu sanieren. Nach und nach werden die Loggien wieder geöfnet, die Treppen von ihrer PVC-Auflage befreit, die Hauseingangstüren dem historischen Vorbild angepasst, Bäder und Haustechnik erneuert. In mehr als der Hälfte der Wohnungen und Treppenhäuser sind die Sünden der Siebziger bereits beseitigt. Vor Kurzem wurden nun auch die Straßen und Gehwege erneuert, Hauszugänge, Parkplätze und Straßenräume im Sinne der Verkehrsberuhigung aufwendig neu gestaltet.

      

„Die Siedlung im Bauhausstil ist als kulturell wertvolles Ensemble viel beachtet und eine absolute Besonderheit im GWG-Bestand“, sagt Geschäftsführer Ley, seit 2003 im Amt. „Da sich hier auch die Straßen und Gehwege in unserem Besitz befinden, haben wir die Möglichkeit, die Neugestaltung an die Form- und Materialsprache der Bauhaus-Architektur anzupassen – was sich in der strukturierten Bauart, der Rasterartigkeit und den geometrischen Formen widerspiegelt.“ Rund drei Millionen Euro wurden schon investiert. Das Geld ist gut angelegt. Leerstand in der Rothenbergsiedlung? Das war gestern.

Auf Anfrage führt Volker Oestereich, Projektentwickler bei der GWG, durch die Haesler-Siedlung und lädt zur Besichtigung der Museumswohnung ein.

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oestereich@gwg-kassel.de


 
 

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