Im Blick der Öffentlichkeit

Leuchtturm-Projekt für innerstädtisches Wohnen

04.01.16
StadtZeit 71 Kassel Magazin

Technisch auf dem aktuellsten Stand und sich zu seinen Wurzeln bekennend: Mit den modernisierten Gebäuden Graben 5 bis 11 entsteht ein innerstädtisches Gesamtensemble, das nun auch der Markthalle ein wirkliches Gegenüber ist.

Von Klaus Schaake

Offen und autogerecht: Der Wiederaufbau der Kasseler Altstadt in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verschrieb sich diesem Leitbild. Durch die großräumigen Planungen öffentlicher Wohnungsbaugesellschaften entwickelte sich
ein architektonisch bis heute einheitlich gebliebenes Ensemble klarer und einfacher, gut funktionierender Wohnanlagen. In ihrer Struktur sollten die drei- bis viergeschossigen Wohnblöcke rund um Entenanger und Pferdemarkt die Enge der alten Stadt aufheben und trotzdem eine den Menschen angemessene Maßstäblichkeit bewahren.

Fast wie in ihrer Entstehungszeit sind diese Strukturen auch über 50 Jahre danach noch vorhanden und besitzen damit als Ensemble einen Denkmal-Charakter. Mit ihren grünen Innenhöfen und der fußläufigen Erreichbarkeit jedweder Infrastruktur sind sie auch heute als innerstädtische Wohnstandorte sehr attraktiv.

Authentizität des 1950er-Jahre-Bestandes erhalten

Mit der Modernisierung der Häuserzeile Graben 5 bis 11 zeigt die GWG als städtische Wohnungsbaugesellschaft beispielhaft, wie die in die Jahre gekommenen Bauten der fünfziger Jahre ertüchtigt und energetisch saniert werden können.
Für Prof. Alexander Reichel, der für die Planungen verantwortlich zeichnete, bestand die Aufgabe darin, die vorhandenen 28 Wohneinheiten angemessen zu sanieren. Das bedeutete, einen gestalterischen und wirtschaftlichen Weg zu finden, der den Gebäuden ihre Authentizität belässt, trotzdem aber modernen zukunftsfähigen
Wohnraum ermöglicht. Ziel war ebenso, es den dort seit Jahrzehnten wohnenden Mietern zu ermöglichen, in ihrem vertrauten Quartier bleiben zu können. Um
Verdrängungsprozesse zu vermeiden sollte die mit dem komplexen Umbau verbundene Mieterhöhung durch die gleichzeitige Reduzierung der Mietnebenkosten aufgrund der energetischen Sanierung ausgeglichen werden.

„Durchwohnen“ von Ost nach West

Nach dem Umbau – nur das Haus Graben 11 harrt derzeit noch seiner Ertüchtigung – öffnen sich im Innern die ehemals kleinteiligen Grundrisse aus den 1950er-Jahren. Das neue „Durchwohnen“ von Ost nach West über die gesamte Haustiefe bringt viel Tageslicht in die Wohnungen und vermittelt im zusammen liegenden Wohn-/Essbereich mit Küche eine bisher so nicht gekannte Großzügigkeit. Das
Freilegen der vorhandenen 1950er-jahretypischen Stahlbetonrippendecken, die im Zuge der Modernisierung eine brandschutztechnische Anpassung erfuhren, unterstützt dies und erhöht optisch die Räume.


Nach Abschluss der Baumaßnahme werden sich die vier Gebäude als ein zusammenhängendes Gesamtensemble präsentieren, was sich bereits jetzt an den Fassaden ablesen lässt. Mit ihrer neuen Gestaltung weisen die Hauseingangsbereiche nun freundlich und ebenso deutlich auf ihre Funktion
als solche hin. Die Architekten vereinheitlichten darüber hinaus die Formate der Fenster, ergänzten sie auf der Ostseite analog zum historischen Bestand um Blend- und Sonnenschutz und - fügten auch Schmuckelemente in die Fassaden ein, die in den 1950er-Jahren Verwendung fanden.

Ein der Zukunft zugewandtes Wohnen

Alle Erdgeschosswohnungen sind über eine neue, der jeweiligen Wohnung zugeordnete Terrasse barrierefrei zugänglich, den Obergeschossen ist als „grünes Zimmer“ zum Innenhof ein Balkon zugeordnet. Um den Duktus der Großzügigkeit auch innerhalb des Hofbereichs zu erhalten, kragt der Balkon aus der Fassade frei aus. D.h., das für diese Bauaufgabe von den Architekten individuell entwickelte, filigrane Bauteil benötigt für den Lastabtrag keine weiteren Stützen nach unten.

Die Bäder sind barrierefrei bzw. barrierearm ausgestattet und der Ausbau der Dachgeschosse erhöht die Wohndichte in diesem zentral gelegenen und gut erschlossenen Quartier ohne neue Häuser zu bauen. Unprätentiös und ihre Wurzeln sowie ihre Selbstständigkeit im Hier und Jetzt behauptend präsentiert sich die Häuserzeile nun. Für Alexander Reichel hängt der „große Wurf“, der Architekten gern zugeschrieben wird, keineswegs davon ab, ob man im Bestand entwirft oder Neubauten entwickelt. „Für mich hängt das viel eher von der Auseinandersetzung mit dem konkreten Ort ab. Als Architekt einen Ort besser zu hinterlassen als man ihn vorgefunden hat, darum geht es.“

Das ist mit diesem Leuchtturm-Projekt für den sensiblen und der Zukunft zugewandten Umgang mit dem innerstädtischen 1950er-Jahre Wohnungsbau in beispielhafter Weise gelungen.

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