Im Blick der Öffentlichkeit

WIE GEWOHNT - Kooperation statt Konkurrenz

01.03.14
Quelle: StadtZeit No.60

Menschen mit Unterstützungsbedarf ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, ist Ziel des Projekts „Leben im Quartier – Wohnen für Generationen“. piano e.V., GWG, fünf Pflegedienste und Stadt Kassel arbeiten dafür eng zusammen. Die StadtZeit sprach mit piano-Vorstand Annett Martin.

Interview: Klaus Schaake

KS: Frau Martin, in Kooperation mit fünf Pflegediensten haben Sie über einen Zeitraum von zwei Jahren ein in dieser Form bundesweit bislang einmaliges Konzept für sechs Kasseler Quartiere erarbeitet, das nun in die Umsetzung geht. Wie kamen Sie auf die Idee?

AM: Kassel zählt zu den Städten mit einem besonders hohen Anteil an älteren Menschen. Der Bericht „Kommunale Altenhilfeplanung“ aus dem Jahr 2009 beschreibt für unsere Stadt einen stark gestiegenen Anteil in diesen Altersgruppen.

KS: Können Sie das konkret machen?

AM: Während die unter 20-jährigen fünf Prozent weniger wurden, liegen wir in der Gruppe der 65- bis 69-jährigen bei über 19 Prozent und bei den 80- bis 84-jährigen bei 21 Prozent der Gesamtbevölkerung. Tendenz steigend.

KS: Was bedeutet das für die Stadt und die städtische Wohnungsbaugesellschaft mit der piano e.V. eng zusammenarbeitet?

AM: Wir wollen auch hier in Kassel dem Wunsch des Großteils älterer Menschen entsprechen, in ihrem gewohnten Umfeld bleiben zu können. In unserem Projekt geht es dabei insbesondere um die Mieter der GWG, wobei unsere Angebote in den Quartieren auch allen anderen Menschen offen stehen. Grundlage für das Projekt ist das „Bielefelder Modell“, das wir mit unseren Partnern entsprechend weiterentwickelt haben.

KS: Setzen sie damit um, was der Gesetzgeber sich unter „ambulant vor stationär“ vorstellt?

AM: Unser Ziel ist es, Menschen mit Unterstützungsbedarf ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben im Quartier zu ermöglichen, sie beim Erhalt ihrer sozialen Kontakte vor Ort zu unterstützen und ihre Lebensqualität zu stärken. Es geht also nicht ausschließlich um Ältere, auch wenn das sicherlich die größte Gruppe ist, die wir mit unserem Projekt ansprechen.

KS: Was bedeutet das für Ihre Arbeit in den Quartieren?

AM: Über den Wohnraum hinaus, der auch pflegebedürftigen oder behinderten Menschen den Verbleib im vertrauten Umfeld ermöglicht, schaffen wir in sechs Stadtteilen quartiersbezogene und aktivierende Versorgungsstrukturen. Dabei verknüpfen wir familiär, ehrenamtlich und professionell erbrachte Hilfen zu einem Unterstützungsnetz, das ein Höchstmaß an Selbstbestimmung und Teilhabe gewährleistet.

Multiprofessionelle Teams in den Quartieren

KS: Die von piano e.V. betriebenen Stadtteiltreffs in der Nordstadt, in Mitte, am Mattenberg, in Forstfeld, in Philippinenhof und in Rothenditmold bilden das Herzstück ihres Konzeptes. Was genau passiert dort?

AM: Wohnen, pflegerische und hauswirtschaftliche Hilfen und soziale Begleitung in Form eines Nachbarschaftstreffs sind die Komponenten unseres Projekts. Damit knüpfen wir an Angebote, Strukturen und gelebte Beziehungen in den bereits seit sechs Jahren bestehenden Stadtteiltreffs an und entwickeln diese weiter.

KS: Konkret?

AM: Als Wohnungsbaugesellschaft schafft die GWG die erforderlichen baulichen Voraussetzungen, beispielsweise den barrierefreien Umbau von Wohnungen und die Zurverfügungstellung von Pflegeübergangswohnungen. Durch seine Nachbarschaftstreffs leistet piano e.V. die soziale Integration und aktiviert vor Ort bürgerschaftliches Engagement. Die ambulanten Pflegedienste gewährleisten die pflegerisch-hauswirtschaftliche Versorgung und wir binden sie auch in die tägliche Arbeit der Stadtteiltreffs ein.

KS: Wie läuft das?

AM: Jeder Pflegedienst richtet sich geeignete Räumlichkeiten in dem jeweiligen Stadtteiltreffpunkt ein und ist regelmäßig im Stadtteiltreff und im Quartier anwesend. Der ambulante Pflegedienst berät im Quartier auch über Hilfemöglichkeiten, hält Vorträge, macht Gruppenangebote und unterstützt bei der Tagesstrukturierung. Nach der Startphase wollen wir über den jeweiligen Pflegedienst vor Ort einen Quartiersmanager etablieren, der integraler Bestandteil des multiprofessionellen Teams vor Ort sein wird.

Annett Martin ist bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG für den Bereich Soziales Management zuständig und im Vorstand des Vereins piano e.V.

„Leben im Quartier - Wohnen für Generationen“

„Das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung, verbunden mit dem hohen Anteil alleinlebender älterer, insbesondere hochbetagter Menschen erfordert veränderte Formen der Unterstützung und Begleitung“, sagt die Präambel des Kooperationsvertrages zwischen GWG, piano e.V., der Stadt Kassel und fünf Pflegediensten. Mit der AWO Nordhessen gGmbH, den Diakoniestationen der Ev. Kirche gGmbH, der Mehrgenerationenhaus und Pflegedienst Heilhaus gGmbH, des Pflege-Hilfe & Betreuung e.V. sind vier gemeinnützige Pflegedienste in das Projekt eingebunden. Der Pflegedienst PSH bringt seine großen Erfahrungen im Bereich der kultursensiblen Pflege in das Projektteam ein. Kerngebiete sind die größeren Wohnquartiere der GWG mit etwa 1000 Mietern. Unabhängig vom Projekt bleibt die Wahlfreiheit der Mieter im Quartier hinsichtlich der sie betreuenden Pflegedienste weiterhin bestehen. Für die Kooperationspartner stand das „Bielefelder Modell“ bei der Konzeptentwicklung Pate. Bereits in den 1990er Jahren entwickelte die Bielefelder Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft mbH (BGW) zusammen mit einem sozialen Dienstleister ein quartiersbezogenes Modell des Wohnens mit Versorgungssicherheit ohne Betreuungspauschale, das mittlerweile auch in vielen anderen Städten umgesetzt wird.

Gerhard Paul, Geschäftsführer des Mehrgenerationenhauses und Pflegedienstes Heilhaus sowie Sprecher des Kooperationsverbundes der fünf ambulanten Pflegedienste, freut sich, dass „wir durch das gemeinsame Engagement der Pflegedienste umfangreiche bedarfsgerechte Service-, Hilfs- und Pflegeleistungen wohnortnah in sechs Quartieren anbieten können. Die Kunden der GWG genießen so die Sicherheit, im Bedarfsfall gut versorgt zu sein.“

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