Im Blick der Öffentlichkeit

Leben im weißen Schloss

16.08.14
Quelle: HNA

    

Die Steul-Siedlung im Stadtteil Forstfeld: Im weißen Schloss, wie die Wohnanlage im Stadtteil genannt wird, hat die Gemeinnützige Wohnungsbau-Gesellschaft der Stadt Kassel (GWG) 421 Wohnungen. Dort leben insgesamt über 1000 Menschen. Archivfoto: Fischer/nh

Leben im weißen Schloss
Hannelore und Ernst Diederich wohnen von Anfang an in der Steul-Siedlung

Das Thema

Die Steul-Siedlung im Forstfeld besteht seit 40 Jahren. Hannelore Diederich gehörte 1974 zu den ersten Mietern. Mit ihrem Ehemann wohnt sie heute noch dort.

V O N  J Ö R G S T E I N B A C H

FORSTFELD
. Ende Januar 1974 hatte sich Hannelore Diederich auf die Suche nach einer Wohnung gemacht. Bei der GWG hatte sie Glück. Im Stadtteil Forstfeld war damals gerade der erste Block der neuen Steul-Siedlung fertig. „Es war die letzte Wohnung, die frei war.“ Bis heute wohnt die 65-Jährige mit ihrem Ehemann, der im August 1979 eingezogen war, im weißen Schloss, wie die Forstfelder die jetzt 40 Jahre bestehende Wohnanlage nennen. Umziehen kommt für sie nicht infrage: „Das ist die schönste Wohnung, die ich mir vorstellen kann.“

Hannelore Diederich fühlt sich wohl, will unbedingt in der Steul-Siedlung bleiben. 1984 hatte die gelernte Industriekauffrau „nur ganz kurz“ darüber nachgedacht, eine Eigentumswohnung zu kaufen, sich aber dann für die Mietwohnung entschieden. „Die ist so schön geschnitten.“ Alle Möbel sind passgenau für die im Erdgeschoss gelegenen drei Zimmer gekauft, die Wohnung ist auch im Alter ohne Treppen bequem zu erreichen. In der Nachbarschaft gibt es Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Apotheke, Sparkasse und Bushaltestellen. „Wir müssten mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn wir jetzt ausziehen“, sagt die Rentnerin: „Obwohl das Umfeld nicht mehr so toll ist.“

Ehemann Ernst Diederich (65) sieht die Veränderungenin der Nachbarschaft kritisch. Über die Jahre seien sehr viele Menschen mit ausländischen Wurzeln in die Häuser eingezogen. „Eine ganz andere Mentalität“, sagt der Rentner, der früher als Busfahrer viel unterwegs war. Und erzählt von verwahrlosten Treppenhäusern und von Müll, der von Mitbewohnern kurzerhand aus den Fenstern geworfen werde: „Wir laden nur noch selten Besucher ein.“ Immerhin würden die Altmieter noch aufeinander achten, erzählt Hannelore Diederich, die viele Jahre für die SPD in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung und im Ortsbeirat saß und vier Jahre Ortsvorsteherin im Stadtteil Forstfeld war. „Das Vorurteil anonymes Hochhaus stimmt nicht.“


Als ihr Mann kürzlich im Krankenhaus lag, hätten sie viele Mitbewohner angesprochen: „Wir haben deinen Mann so lange nicht gesehen, was ist denn los?“ 374 Deutsche Mark kostete die 73 Quadratmeter große Wohnung in den Anfangsjah ren einschließlich der Nebenkosten. Aktuell zahlt das Ehepaar dafür insgesamt 660 Euro im Monat. „Das ist heute immer noch sehr günstig“, findet Hannelore Diederich.

 

               

Nachbarn feiern

Am Samstag, 6. September, soll das 40-jährige Bestehen der Steul-Siedlung gefeiert werden. „Ehemalige und aktuelle Nachbarn treffen sich“ ist das Motto für das Fest, das um 11 Uhr mit einem Flohmarkt beginnt. Gefeiert wird zwischen den Wohnhäusern und der Kindertagesstätte Forstbachweg. Um 14 Uhr gibt es Grußworte der Ehrengäste, ab 15 Uhr bieten die Kinder der Kita ein Unterhaltungsprogramm für die Besucher. Dazu gehören auch Musik und der erste Auftritt der neu gegründeten Kinderfeuerwehr Bettenhausen-Forstfeld. Für Essen, Getränke, Kaffee und Kuchen wird gesorgt. Einst gab es das „Lettenlager“. Wo heute die Steul-Siedlung steht, existierte bis 1973 eine Barackensiedlung.

 

             

Im Mai 1971 fassten die Kasseler Stadtverordneten einen mutigen Beschluss. Die Bewohner der Baracken am Forstbachweg sollten in Wohnungen der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Kassel (GWG) untergebracht werden, damit die Baracken abgebrochen werden konnten. Das Barackenbeseitigungsprogramm der Stadt wurde damals einstimmig beschlossen. Auf dem Grundstück am Forstbachweg, das durch den Abriss der Baracken frei wird, sollten dann Sozialwohnungen vor allem für kinderreiche Familien errichtet werden, berichtete die HNA am 11. Mai 1971. Der Beschluss war die Geburtsstunde der heutigen Steul-Siedlung. Die solide gebauten Steinbaracken mit großen Wohnungen am Forstbachweg hatte die Firma Junkers, die damals an der Lilienthalstraße Flugmotoren produzierte, 1940/41 für ihre neu angeworbenen Mitarbeiter errichtet. In den späteren Kriegsjahren wurden Zwangsarbeiter in den Baracken untergebracht. Nach dem Kriegsende wurde das Lager dann von einer  Vorläuferorganisation der Vereinten Nationen (UN) genutzt, um dort Letten und Esten für die Abschiebung und den Heimtransport zu sammeln. „Im Volksmund hieß dieses Lager darum Lettenlager“, erklärt der Forstfelder Heimatforscher und Hobbyhistoriker Falk D. Urlen.


1949, nach der Auflösung des Lagers, waren die 68 Quadratmeter großen Wohnungen sehr gefragt. Ab Ende der 1950er-Jahre wurden dort immer mehr kinderreiche Familien untergebracht, die aufgrund der Kinderzahl keine Chance hatten, auf dem Wohnungsmarkt eine Wohnung zu finden, berichtet Urlen.

„Schließlich verwahrloste das Lager teilweise mit seinen 100 Erwachsenen und 300 Kindern und musste deshalb abgerissen werden.“

Die HNA meldete am 9. Oktober 1973 den Abriss der letzten Baracke. Zu dieser Zeit wurde bereits am weißen Schloss gebaut. Die Adresse lautete damals noch „Forstbachweg 16 - neue Häuser“. Erst später wurde die neue Straße an der Wohnanlage nach dem Diplom-Handelslehrer Heinrich-Steul (1899-1962) benannt.

GWG saniert Häuser für 30 Millionen Euro

Die umfassende Sanierung der Steul-Siedlung lässt sich die GWG 30 Millionen Euro kosten. Im Sommer 2013 wurde mit den ersten Arbeiten begonnen. Bis 2019 soll alles fertig sein. Handwerker sorgen für eine bessere Wärmedämmung der Häuser. Die Heizung wird optimiert und solarthermische Anlagen eingebaut, die Sonnenenergie zur Bereitung von Warmwasser nutzen. Alle Leitungen werden erneuert. Die Wohnungen bekommen neue Bäder, alle Häuser und Wohnungen bekommen barrierefreie Zugänge, sind also künftig ohne Treppenstufen oder Stolperschwellen erreichbar. Die Aufzugsanlagen werden umgebaut, künftig fahren die Fahrstühle bis in die Keller. Im Gegenzug müssen die Mieter künftig mehr zahlen. Das neue Bad kostet im Monat 36 Euro mehr Miete, zudem gibt es einen Modernisierungszuschlag von 96 Cent monatlich pro Quadratmeter Wohnfläche.

Weil künftig 62 Prozent Heizenergie gespart werden könnten, bleibe für die Mieter eine effektive Mehrbelastung von 41 Cent pro Quadratmeter und Monat, rechnet die GWG vor. Bei einer 56 Quadratmeter großen Wohnung betrage die Mehrbelastung knapp 23 Euro im Monat.

Die Miete bleibe unter den Obergrenzen für den Unterkunftsbedarf der Stadt Kassel, verspricht GWG-Geschäftsführer Peter Ley. Kein Mieter, der Hartz IV,  Sozialhilfeleistungen oder Wohngeld bekomme, müsse nach der Modernisierung ausziehen. „Mit Abschluss der Arbeiten wird die Wohnanlage wieder den heutigen und künftigen Ansprüchen an Wohnen gerecht. Ihr Erscheinungsbild wird zeitgemäß modern, gepflegt und sauber sein, und das zu bezahlbaren Mieten“, sagt der GWG-Chef.

(ach) Foto: nh

Stadtteiltreff wird verlegt

Im Haus Heinrich-Steul-Straße 9 wird die städtische GWG einen neuen Stadtteiltreff mit einer Fläche von rund 150 Quadratmetern errichten. Der bisherige Stadtteiltreff an der Steinigkstraße 23 ist zu klein und wird aufgegeben. Im Haus Heinrich-Steul-Straße 9 entstehen zudem auf weiteren 150 Quadratmetern sechs Pflegedienstwohnungen für kranke und pflegebedürftige Mieter, die künftig von den Diakoniestationen betreut werden sollen. (ach)

 
 

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